Hermann ist einer von 154 Patientinnen und Patienten, die mit uns offen über ihren Umgang mit Arzneimitteln gesprochen haben. Er wollte, dass seine Geschichte veröffentlicht wird – damit andere aus seiner falschen Entscheidung lernen können.

Die Inhalte dienen ausschließlich Ihrer allgemeinen Information. Sie ersetzen nicht das persönliche Gespräch mit Arzt oder Apotheke. Unsere Informationen, Entscheidungshilfen und Tipps möchten Sie dabei unterstützen, gut informierte und überlegte Entscheidungen zu treffen. Sie entbinden Sie jedoch nicht von der persönlichen Verantwortung – und können keine Garantie für eine im individuellen Fall „richtige“ Entscheidung geben. Die Namen und Bilder wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.

Unsere generelle Empfehlung: Treffen Sie keine Entscheidung im Umgang mit einem verschriebenen Arzneimittel im Alleingang. Sprechen Sie ihren Arzt oder die Apotheke an und reden Sie über mögliche Zweifel und Bedenken. 

Beachten Sie auch unsere 5 Denkanstöße für bessere Entscheidungen. 

Warum Hermann seine Geschichte veröffentlicht hat

Hermann P. möchte andere Patient:innen vor einem Fehler bewahren, den er selbst gemacht hat. Er wusste eigentlich, wie wichtig seine Medikamente für ihn waren – und trotzdem hat er sie irgendwann nicht mehr genommen. Heute sagt er: Wissen allein reicht oft nicht aus. Entscheidend ist, wie man im Alltag mit diesem Wissen umgeht.

Seine Geschichte zeigt, wie Therapieabbrüche langsam entstehen können: wenn ein kleiner kurzfristiger Vorteil im Moment wichtiger erscheint als ein Nutzen, der erst in der Zukunft liegt. Genau deshalb möchte Hermann offen darüber sprechen – damit andere Patient:innen solche Entwicklungen früher erkennen und eine bessere Entscheidung treffen. 

Diagnose und Therapie

Bei Hermann G. wurden bei einer Routineuntersuchung Herzrhythmusstörungen festgestellt. Damit bestand für den 59-Jährigen ein erhöhtes Risiko für einen Schlaganfall. Bis dahin lebte er bereits mit Typ-2-Diabetes, fühlte sich im Alltag jedoch weitgehend gesund. Das Medikament gegen den Diabetes nahm er eher aus Vernunft als aus innerer Überzeugung ein.

Sein Arzt erklärte ihm, dass sich das Schlaganfallrisiko mit einem blutverdünnenden Medikament deutlich senken lasse. Hermann erhielt Apixaban, einen modernen Gerinnungshemmer, der vorbeugend wirken sollte. Er wusste, dass diese Behandlung medizinisch sinnvoll war, und begann die Therapie zunächst zuverlässig.

Warum hat Hermann das Medikament abgesetzt?

Hermann setzte das Medikament nicht ab, weil er seine Erkrankung unterschätzte oder die Empfehlung seines Arztes bewusst ablehnte. Er geriet vielmehr in eine typische Denkfalle, die viele Menschen kennen: den kurzfristigen Vorteil stärker zu gewichten als einen Nutzen, der erst in der Zukunft liegt.

Da es ihm gut ging, keine Beschwerden auftraten und über Monate nichts passiert war, verlor der Schutz vor einem möglichen Schlaganfall für ihn an emotionaler Bedeutung. Die Gefahr blieb abstrakt. Spürbar war dagegen nur die tägliche Tablette – als Erinnerung an Krankheit, als Unterbrechung im Alltag und als etwas, das man sich auch sparen könnte.

Zunächst ließ Hermann einzelne Einnahmen aus. Jedes Weglassen fühlte sich unkompliziert und entlastend an. Aus diesen kleinen Entscheidungen entstand Schritt für Schritt ein neues Verhalten.

Der unmittelbare Vorteil, heute keine Tablette nehmen zu müssen, wirkte für ihn greifbarer als ein Risiko, das vielleicht erst irgendwann eintreten würde. So wurde aus gelegentlichem Auslassen schließlich das vollständige Absetzen des Medikaments.

Was hat Hermann zum Umdenken gebracht?

Zum Umdenken brachte Hermann vor allem das, was er für unwahrscheinlich gehalten hatte: Drei Wochen nach dem Absetzen erlitt er einen Schlaganfall. Glücklicherweise blieb er ohne bleibende Schäden – doch das Ereignis veränderte seinen Blick auf die Situation grundlegend.

Plötzlich war das Risiko, das zuvor abstrakt und weit entfernt gewirkt hatte, real und greifbar. Hermann erkannte, dass das Weglassen des Medikaments keine neutrale Entscheidung gewesen war. Er hatte damit auf einen wichtigen Schutz verzichtet.

Ihm wurde klar, dass er den kleinen kurzfristigen Vorteil – keine tägliche Tablette nehmen zu müssen – höher bewertet hatte als seine langfristige Gesundheit. Erst durch den Schlaganfall verstand er, welche Bedeutung vorbeugende Therapien haben, auch wenn man ihre Wirkung im Alltag nicht spürt.

Heute sagt Hermann, dass ihn diese Erfahrung gelehrt hat, medizinische Entscheidungen nicht nach dem Gefühl des Augenblicks zu treffen, sondern nach ihrem langfristigen Nutzen.

Was können andere Patientinnen und Patienten aus Hermanns Fall lernen?

Hermanns Fall zeigt, dass viele wichtige Medikamente nicht dadurch überzeugen, dass man ihre Wirkung sofort spürt. Gerade Arzneimittel zur Vorbeugung schützen im Hintergrund. Man merkt oft erst dann, wie wichtig sie waren, wenn sie fehlen.

Er zeigt auch, dass Therapieabbrüche häufig nicht plötzlich entstehen, sondern schrittweise. Einzelne ausgelassene Einnahmen können sich zu einer Gewohnheit entwickeln – besonders dann, wenn der kurzfristige Vorteil im Moment greifbarer wirkt als ein langfristiger Nutzen.

Andere können daraus lernen, solche Denkfallen früh zu erkennen. Wenn Gedanken auftauchen wie „Heute kann ich auch einmal aussetzen“ oder „Es ist doch bisher nichts passiert“, lohnt es sich, kurz innezuhalten. Oft spricht dann nicht die Vernunft, sondern der Blick auf den Moment.

Hilfreich sind feste Routinen, Erinnerungen im Alltag und ein klares Bewusstsein dafür, warum das Medikament verordnet wurde. Wer Zweifel hat oder die Therapie als Belastung empfindet, sollte nicht selbst entscheiden, sondern das Gespräch mit Arztpraxis oder Apotheke suchen.

Die wichtigste Erkenntnis: Nicht alles, was sich heute angenehm anfühlt, ist auch morgen noch eine gute Entscheidung.

Hermann und die Gegenwartsverzerrung

Hermann erklärt in dem Beitrag, dass er das Weglassen des Arzneimittels im Moment als Vorteil empfand, während er die möglichen langfristigen Folgen dabei ausblendete. Die Entscheidungsforschung hat dafür einen Fachbegriff: die Gegenwartsverzerrung.

Gemeint ist die Tendenz, kurzfristige Erleichterungen oder unmittelbare Vorteile stärker zu gewichten als spätere Konsequenzen. Das, was sich jetzt angenehm oder bequem anfühlt, wirkt oft überzeugender als das, was langfristig vernünftig wäre.

Diese Denkfalle beeinflusst viele unserer Entscheidungen im privaten und beruflichen Alltag. Das Wissen um solche Denkfallen hilft, eigene Gedanken besser einzuordnen und typische Fehler bei Entscheidungen zu vermeiden. Gerade im Umgang mit Arzneimitteln kann es helfen, den Blick stärker auf den langfristigen Nutzen zu richten.

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