Sandra K. und die Verlustaversion
„Ich hatte so große Sorge, etwas zu verlieren – dass ich gar nicht gesehen habe, was ich gewinnen könnte.“

1. Was ist passiert?
Sandra leidet seit vielen Jahren an Colitis ulcerosa, einer chronischen Entzündung des Dickdarms. Ihre Erkrankung verläuft in Schüben – mit heftigen Bauchschmerzen, häufigem Durchfall und dauerhafter Erschöpfung. Viele Therapien hat sie bereits ausprobiert – ohne nachhaltigen Erfolg.
Als ihre Ärztin ihr ein neues Medikament vorschlägt – Upadacitinib, ein vielversprechender Wirkstoff mit nachgewiesener Wirksamkeit – zögert Sandra. In der Packungsbeilage liest sie von möglichen Nebenwirkungen: Infektionen, erhöhte Leberwerte, Kopfschmerzen. Obwohl ihre Ärztin erklärt, dass diese Risiken selten und behandelbar sind, fühlt sich Sandra unwohl. Sie entscheidet sich gegen das Medikament – aus Angst vor möglichen Nachteilen. Dass sie dadurch auch eine große Chance auf Besserung verpasst, wird ihr erst später bewusst.
2. Wie die Verlustaversion unsere Entscheidungen beeinflusst
Verlustaversion ist ein Begriff aus der Verhaltenspsychologie: Verluste wiegen für uns emotional stärker als gleich große Gewinne. Wir sind eher bereit, etwas Gutes nicht zu bekommen, als etwas Schlechtes zu riskieren – selbst wenn das Risiko klein ist.
In Sandras Fall bedeutete das:
Die Angst vor Nebenwirkungen und einem „möglichen Rückschritt“ war stärker als die Aussicht, endlich mehr Lebensqualität zu gewinnen. Ihre Gedanken kreisten um das, was schiefgehen könnte – nicht um das, was besser werden könnte.
Ein Beispiel aus dem Alltag:
Viele Menschen bleiben jahrelang in einer unglücklichen Arbeitsstelle – obwohl sie spüren, dass sie ausgebrannt sind. Warum? Weil der Gedanke, das sichere Gehalt und den bekannten Alltag zu verlieren, schmerzhafter erscheint als die Aussicht, etwas Besseres zu finden.
Die Angst, etwas Vertrautes aufzugeben, ist größer als die Hoffnung auf Verbesserung – selbst wenn der Jobwechsel langfristig zufriedener machen würde. Genau das ist Verlustaversion: Wir halten lieber an etwas fest, das nicht ideal ist, als ein Risiko für eine bessere Zukunft einzugehen.
3. Wie Sandras Ärztin die Verlustaversion umkehrte
Sandras Ärztin reagierte nicht mit Druck, sondern mit einem Perspektivwechsel:
„Wenn Sie das Medikament nicht nehmen – was könnten Sie dann verlieren?“
Sandra dachte nach. Ihre Antwort:
„Vielleicht die Chance, wieder normal arbeiten zu können. Oder ohne ständige Angst zu leben, ob ich es rechtzeitig zur Toilette schaffe.“
Plötzlich wurde der potenzielle Verlust durch das Zögern greifbarer als die befürchteten Nebenwirkungen. Die Ärztin machte sichtbar, was auf dem Spiel steht, wenn man nichts verändert.
So drehte sich das Bild in Sandras Kopf. Sie verstand, dass sie gerade dabei war, aus Angst vor einem kleinen Risiko eine große Chance zu verpassen. Mit dieser Erkenntnis stimmte sie der Therapie schließlich zu – unter der Bedingung, engmaschig betreut zu werden und regelmäßig zu prüfen, wie gut sie das Medikament verträgt.
4. Was andere Patient:innen aus Sandras Geschichte lernen können
Angst ist ein schlechter Ratgeber – vor allem, wenn sie sich nur auf Verluste fokussiert. Viele Menschen unterschätzen, was sie durch Nicht-Handeln riskieren. Verlustaversion ist keine Schwäche – sondern ein ganz normales Muster, das uns schützen will. Doch manchmal verstellt sie den Blick auf das, was uns helfen könnte.
Wenn Sie unsicher sind, stellen Sie sich zwei Fragen:
- Was befürchte ich, wenn ich die Therapie beginne?
- Und was verliere ich, wenn ich sie nicht beginne?
Manchmal verändert schon diese kleine Umkehr den Blick – und die Entscheidungen.
Warum Sandra ihre Geschichte veröffentlicht hat
Sandra möchte anderen Mut machen, ihre Ängste offen anzuschauen – und dabei auch die Fragen zu stellen, die man sich oft nicht traut:
„Ich hatte Angst vor den Nebenwirkungen – aber noch größer war meine Angst, mich nie wieder frei zu fühlen. Ich hoffe, meine Geschichte hilft anderen, ihre Chancen nicht zu übersehen.“
Für Sandra war es ein Lernprozess: zu verstehen, dass Zögern auch eine Entscheidung ist – mit echten Konsequenzen. Ihr Ziel ist es, anderen Patient:innen zu zeigen, wie Verlustaversion wirkt – und wie man sie überwinden kann, wenn man sich begleitet fühlt.
Denn manchmal liegt der bessere Weg nicht darin, Risiken zu vermeiden – sondern darin, die eigenen Möglichkeiten ernst zu nehmen.
Entscheidungen wie die von Sandra waren der Anlass für ein Bildmotiv, das heute in vielen Arztpraxen und Apotheken hängt.
Die Botschaft des Posters an diese Patienten lautet: „Lassen Sie Risiken nicht größer erscheinen, als sie wirklich sind.“
Denn unser Gehirn reagiert oft überempfindlich auf mögliche Nebenwirkungen – und vergisst dabei leicht, wie groß der Nutzen einer Therapie sein kann.

Sandra und die Verlustaversion
Eine Ursache für Sandras Entscheidung war die Verlustaversion (siehe Punkt 2).

Die Verlustaversion gehört zu einer Gruppe von systematischen Fehlern beim Wahrnehmen, Urteilen und Entscheiden. Mehr über solche Fehler lesen Sie hier:
Wenn Sie wissen wollen, was die Verlustaversion mit Tiger Woods zu tun hat, klicken Sie hier.
Gute Karten für bessere Entscheidungen
Die oben abgebildete Karte ist Teil des Kartensatzes „Gute Karten für bessere Entscheidungen“. Sie finden ihn demnächst in unserem Online Shop.
