Petra M. und die Bedeutung von Zielen für gute Entscheidungen
„Erst als ich mir mein Ziel wirklich vorgestellt habe, wusste ich,
warum ich durchhalten muss“

1. Was ist passiert?
Petra M., 71 Jahre alt, lebt mit einer altersbedingten Makuladegeneration. Die Diagnose kam nicht überraschend – die Sehkraft hatte nachgelassen, Lesen wurde anstrengender, Gesichter verschwommen. Ihr Augenarzt erklärte ihr das weitere Vorgehen: eine Serie von Injektionen ins Auge, mit einem modernen Medikament, einem sogenannten VEGF-Inhibitor. Dieser Wirkstoff könne den Verlauf stoppen, nicht heilen. Petra verstand das – so glaubte sie zumindest.
Die ersten drei Injektionen verliefen ohne Komplikationen. Doch ihre Sehkraft besserte sich nicht. Im Gegenteil: Sie hatte das Gefühl, dass sie weiter nachließ. Nach dem dritten Zyklus entschied sie, die Behandlung zu beenden – ohne das Gespräch mit ihrem Arzt zu suchen.
2. Warum hat Petra die Therapie abgebrochen?
Petra war enttäuscht. Sie hatte zwar gehört, dass die Behandlung den Verlauf verlangsamt, nicht verbessert – und doch hatte sie insgeheim auf eine spürbare Besserung gehofft. Als die ausblieb, kam die Frage auf: Wozu das alles, wenn es nichts bringt?
Obwohl sie über die medizinischen Fakten informiert war, bestimmte ein Denkfehler ihre Entscheidung: Sie orientierte sich an einem kurzfristigen, sichtbaren Erfolg – und blendete den eigentlichen Nutzen der Therapie aus.
Als ihr Hausarzt fragte, wie die Therapie beim Augenarzt läuft, erzählte sie erstmals, dass sie die Therapie abgebrochen hat. Statt zu erklären oder zu überreden, stellte er eine einfache Frage:
„Was möchten Sie in den nächsten Jahren unbedingt noch erleben?“
Diese Frage veränderte das Gespräch.
Petra sprach über seinen Enkel. Dass sie ihm Dinge beibringen wolle, die sie stark gemacht haben. Dass sie gemeinsame Momente erleben wolle, die bleiben. Der Arzt bat ihn, dieses Ziel zu visualisieren – als Bild, als Wunsch, als Perspektive. Und plötzlich wurde Petra klar: Es ging nicht darum, wieder besser zu sehen. Sondern darum, nicht noch mehr zu verlieren – um das, was noch möglich war.
3. Wenn der Therapieerfolg nicht spürbar ist – aber entscheidend
Petra bekommt ein modernes Medikament – es soll die Makuladegeneration aufhalten.
Sie erhält drei Injektionen. Und sieht… nichts. Keine Besserung. Eher das Gegenteil.
Sie denkt: „Dann kann ich’s auch lassen.“
Dabei ist genau das das Ziel: dass nichts passiert. Kein weiterer Verlust. Kein Abrutschen der Sehkraft.
Doch dieser Erfolg fühlt sich nicht an wie ein Erfolg. Und das macht ihn unsichtbar.
Petra hat nicht falsch verstanden – aber falsch erwartet.
Die Behandlung sollte nicht heilen, sondern schützen.
Doch ohne greifbaren Gewinn wird der Schutz übersehen.
Was ihr geholfen hat? Eine Frage:
„Wofür lohnt es sich, dranzubleiben?“
🔎 Denkfehler, die ihre Entscheidung geprägt haben:
- Outcome Bias (Ergebnisfehler): Entscheidungen werden nach kurzfristigem Ergebnis bewertet – nicht nach langfristigem Nutzen.
- Present Bias: Wenn der Nutzen nicht sofort spürbar ist, verliert die Maßnahme an Wert.
- Falsche Zielorientierung: Heilung wird erwartet – obwohl Stabilisierung das Ziel ist.
4. Was können andere Patient:innen daraus lernen?
Wenn eine Therapie keinen spürbaren Erfolg zeigt, ist die Versuchung groß, sie abzubrechen – gerade bei chronischen Erkrankungen.
Doch nicht jeder Fortschritt ist sichtbar. Manchmal ist Stabilität der größte Gewinn.
Wer Zweifel hat, sollte nicht schweigen – sondern fragen. Und gemeinsam mit dem Arzt klären:
Was ist mein Ziel? Und wie realistisch ist es?
Ein klarer Blick auf die eigenen Ziele – nicht auf schnelle Erfolge – kann helfen, eine Therapie durchzuhalten.
Warum Petra ihre Geschichte veröffentlicht hat
Petra sagt heute: „Ich war enttäuscht – aber nicht vom Arzt, sondern von meinem Gefühl.“
Sie hat verstanden, dass ihre Entscheidung nicht aus Unwissen entstand, sondern aus einer Erwartung, die sich leise eingeschlichen hatte.
Sie teilt ihre Geschichte, weil sie weiß: Viele Patient:innen brechen Therapien ab, obwohl sie wirken – einfach, weil man es nicht merkt.
Sie möchte andere ermutigen, dranzubleiben – nicht aus Pflicht, sondern aus Klarheit über das eigene Ziel.
🎯 Warum klare Ziele in der Therapie so wichtig sind
„Sehkraft erhalten“ – das klingt vernünftig. Aber es bleibt abstrakt.
Solche Ziele helfen selten, wenn Zweifel, Nebenwirkungen oder Unsicherheit aufkommen.
Damit ein Ziel trägt, muss es emotional verankert sein:
Was genau bedeutet Sehkraft für mich?
Was möchte ich noch sehen, erleben, weitergeben?
Nur wenn ein Ziel berührt, bewegt es etwas.
Es macht den Nutzen greifbar – und hilft, durchzuhalten, wenn es schwierig wird.
Entscheidungen wie die von Petra waren der Anlass für ein Bildmotiv, das heute in vielen Arztpraxen und Apotheken hängt.
Die Botschaft des Posters an diese Patienten lautet: „Haben Sie stets Ihr Ziel im Auge.“
Denn wer weiß, wofür er die Therapie durchhält, bleibt eher dran. Das Bild erinnert daran, dass klare persönliche Ziele helfen können, auch langfristige Behandlungen motiviert fortzusetzen.

Petra und der Outcome-Bias
Eine Ursache für Petra Therapieabbruch war der Outcome-Bias (siehe Punkt 3).

Der Outcome-Bias gehört zu einer Gruppe von systematischen Fehlern beim Wahrnehmen, Urteilen und Entscheiden. Mehr über solche Fehler lesen Sie hier:
Gute Karten für bessere Entscheidungen
Die oben abgebildete Karte ist Teil des Kartensatzes „Gute Karten für bessere Entscheidungen“. Sie finden ihn demnächst in unserem Online Shop.

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