Fall Depression Peter


Mein eigener Fall war der Auslöser, mich mit dem Thema Patientenentscheidungen auseinanderzusetzen und die Initiative zu gründen

Lange glaubte ich, gute Entscheidungen zu treffen – weil ich gut informiert war, Erfahrungen hatte und Verantwortung übernahm. Doch mein eigener Umgang mit der Depression hat mir gezeigt, wie leicht man sich selbst täuschen kann, gerade wenn es um die eigene Gesundheit geht. Ich wusste eigentlich, was medizinisch geboten gewesen wäre – und habe trotzdem anders entschieden. Nicht aus Unwissenheit, sondern weil emotionale, berufliche und soziale Faktoren meine Wahrnehmung verzerrt haben.

Diese Erfahrung hat mich tief geprägt. Ich begann zu hinterfragen, warum so viele Menschen – wie ich selbst – in medizinischen Krisen Entscheidungen treffen, die sie später bereuen. Daraus ist meine heutige Arbeit entstanden. Ich habe mich intensiv mit Denkfehlern, Entscheidungsmustern und Patientenperspektiven beschäftigt – und die Initiative ins Leben gerufen, die Patientinnen und Patienten helfen soll, klarer, bewusster und freier zu entscheiden.

Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit echtem Verständnis für die inneren Konflikte, die solche Entscheidungen oft begleiten.


1. Was ist passiert?

Im Jahr 2010 stand ich auf dem Höhepunkt meines beruflichen Erfolgs: Meine Agentur, die Juwi MacMillan Group, war unter den Top 5 der inhabergeführten Werbeagenturen Deutschlands. Drei Jahre später war alles vorbei. Die Firma ging in die Insolvenz – und mit ihr meine Ehe und meine finanzielle Existenz. Ich zog nach Berlin und versuchte, als Unternehmer neu anzufangen. Ich war damals 53 Jahre alt.

Die Symptome meiner Depression schlichen sich langsam in mein Leben. Ich versuchte, sie zu ignorieren – aber sie ließen sich nicht verdrängen. Die Antriebslosigkeit wurde lähmend, die Panikattacken überrollten mich. Das Leben tat so weh, dass ich ernsthaft darüber nachdachte, es zu beenden.

Ich wusste, ich hätte sofort in eine Klinik gemusst. Aber ich hatte gerade erst wieder angefangen, geschäftlich Fuß zu fassen. Ein Klinikaufenthalt hätte dieses Comeback zerstört – das konnte ich nicht zulassen. Ich traf stattdessen die Entscheidung, einen niedergelassenen Psychiater aufzusuchen und mir ein Antidepressivum verschreiben zu lassen. Ich hoffte, dass es mir damit schnell besser ginge, ich weiterarbeiten könnte und niemand merken würde, in welchem Zustand ich wirklich war.

Ich verschwieg dem Arzt meine Suizidgedanken – weil ich wusste, dass er mir sonst kein Medikament verschrieben hätte. Ich bekam das Rezept, genau wie geplant.

Doch dann kam alles anders. In den drei Wochen nach Beginn der Behandlung unternahm ich drei Suizidversuche. Vor der Einnahme hatte ich zwar den Wunsch zu sterben, aber keine Kraft, ihn umzusetzen. Erst das Medikament gab mir den Antrieb, meine Gedanken in die Tat umzusetzen. Zum Glück überlebte ich – und ließ mich danach endlich in eine psychiatrische Klinik einweisen. Das war rückblickend die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.


2. Welcher Denkfehler spielte eine Rolle?

Ich habe mich überschätzt. Ich dachte, ich könnte diese Krise selbst managen – mit einem klugen Plan, einem Medikament und möglichst wenig Aufsehen. Ich kannte mich mit Depression gut aus, hatte in meinem früheren Beruf viel damit zu tun. Vielleicht genau deshalb glaubte ich, dass ich das irgendwie kontrollieren kann.

Der zweite Fehler war, dass ich meine Entscheidung vor mir selbst rechtfertigte – als alternativlos. Ich wollte mein berufliches Comeback retten, das erschien mir wichtiger als alles andere. Dass ich dabei meine Gesundheit – und letztlich mein Leben – aufs Spiel setzte, habe ich bewusst in Kauf genommen.

Damals wusste ich so gut wie gar nichts über Denkfehler. Ich hatte nie gelernt, wie sehr unsere Entscheidungen – gerade im Gesundheitsbereich – von psychologischen Mechanismen geprägt sind, die wir selbst kaum bemerken. Rückblickend war mein Fall der Auslöser, mich genau mit dieser Frage wissenschaftlich auseinanderzusetzen:
Warum treffen wir manchmal Entscheidungen, die wir später bereuen – obwohl wir glauben, alles richtig gemacht zu haben?

Ich begann, mich intensiv mit kognitiven Verzerrungen zu beschäftigen, mit Entscheidungspsychologie, mit typischen Mustern in medizinischen Situationen. Aus dieser Auseinandersetzung ist ein Ziel entstanden: Dieses Wissen weiterzugeben – damit andere nicht dieselben Fehler machen müssen wie ich.


3. Was andere daraus lernen können

Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich viele Warnzeichen, die ich ignoriert habe – und viele Entscheidungen, die nicht rational, sondern aus Angst, Stolz oder Scham getroffen wurden. Ich wollte stark wirken, funktionieren, nicht auffallen. Das war mein innerer Maßstab – nicht das, was medizinisch richtig gewesen wäre.

Darum geht es mir heute auch nicht nur darum, meine persönliche Geschichte zu erzählen, sondern auf etwas Grundsätzlicheres hinzuweisen:
Wir alle treffen Entscheidungen – auch in medizinischen Fragen – nicht so vernünftig, wie wir glauben.
Emotionen, Erwartungen, Selbstbild und Denkfehler beeinflussen unser Handeln oft stärker als Fakten oder Fachwissen. Wer das nicht erkennt, läuft Gefahr, Entscheidungen zu treffen, die er später bereut.

Was ich gelernt habe:

  • Es reicht nicht, was wir entscheiden – wir müssen verstehen, wie wir entscheiden.
  • Denkfehler passieren nicht, weil man dumm ist – sondern weil man ein Mensch ist.
  • Wer sich mit diesen Mustern beschäftigt, hat eine bessere Chance, klügere, bewusstere Entscheidungen zu treffen – besonders in belastenden Situationen.

Medikamente, Behandlungen, Therapien: All das sind wichtige Fragen. Aber davor steht immer die persönliche Entscheidung – und die ist anfällig für Verzerrungen. Genau hier beginnt echte Patientensouveränität.



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