Thomas ist einer von 154 Patient:innen, die mit uns offen über ihren Umgang mit Arzneimitteln gesprochen haben. Er wollte, dass seine Geschichte veröffentlicht wird – damit andere aus seiner falschen Entscheidung lernen können.

Die Inhalte dienen ausschließlich Ihrer allgemeinen Information. Sie ersetzen nicht das persönliche Gespräch mit Ärzt:innen oder Apotheker:innen. Unsere Informationen, Entscheidungshilfen und Tipps möchten Sie dabei unterstützen, gut informierte und überlegte Entscheidungen zu treffen. Sie entbinden Sie jedoch nicht von der persönlichen Verantwortung – und können keine Garantie für eine im individuellen Fall „richtige“ Entscheidung geben. Die Namen und Bilder wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.

Bei Fragen, Unsicherheiten oder Nebenwirkungen in Ihrem persönlichen Fall, wenden Sie sich bitte direkt an Ihre behandelnde Ärztin, Ihren Arzt oder an eine Apothekerin bzw. einen Apotheker Ihres Vertrauens.

Beachten Sie auch unsere 5 Denkanstöße für bessere Entscheidungen. 

Warum Thomas seine Geschichte veröffentlicht hat.

Thomas lebt seit vielen Jahren mit Asthma. Er möchte offen erzählen, warum er seinen Inhalator oft nicht regelmäßig angewendet hat – obwohl er wusste, wie wichtig er ist. Heute weiß er: Sein gutes Gefühl, zeitweise ohne Medikamente auszukommen, war trügerisch. Erst die Rückschläge haben ihm gezeigt, dass das Auslassen des Sprays ein Fehler war.
Thomas veröffentlicht seine Geschichte, damit andere Betroffene verstehen: Auch wenn man sich gerade beschwerdefrei fühlt, bleibt die regelmäßige Therapie entscheidend. Seine Erfahrung soll anderen helfen, die eigenen Zweifel ernst zu nehmen – und rechtzeitig mit Arzt oder Apotheker ins Gespräch zu gehen, bevor wichtige Behandlungen vernachlässigt werden.

Diagnose und Therapie

Seit Jahren nutzt Thomas morgens und abends seinen inhalativen Kortikosteroid-Spray, um Entzündungen in den Atemwegen zu verhindern.

An Tagen, an denen er sich beschwerdefrei fühlt, lässt er den Inhalator jedoch immer häufiger weg – „weil ja nichts ist“. Ihm ist bewusst, dass die regelmäßige Anwendung nicht nur akute Beschwerden behandelt, sondern vor allem verhindern soll, dass diese überhaupt auftreten.

In internationalen Erhebungen geben 55 % der Betroffenen an, ihre Controller-Medikation gelegentlich zu vergessen, und 31,6 % unterbrechen sie bewusst, wenn sie sich besser fühlen. Das erhöht das Risiko für Verschlechterungen und Notfallbehandlungen deutlich.

Warum hat Thomas das Spray nicht regelmäßig angewendet?

Thomas’ Entscheidung, das Spray unregelmäßig anzuwenden, war nicht Ausdruck von mangelndem Wissen. Er wusste, dass der Inhalator vorbeugend wirkt. Entscheidend war vielmehr, wie sein Denken unbewusst funktionierte. Solche Denkmuster sind geistige Abkürzungen, die unser Gehirn nutzt, um schnelle Schlüsse zu ziehen. Sie sind oft hilfreich, können uns aber bei medizinischen Entscheidungen in die Irre führen.

Bei Thomas waren drei dieser Denkmuster besonders prägend:


1. Verfügbarkeitsheuristik – „Was ich spüre, ist entscheidend“
Thomas bewertete seine Erkrankung fast ausschließlich nach dem, was er direkt wahrnehmen konnte: Atemnot oder Enge in der Brust. Wenn diese Symptome ausblieben, schien ihm das wie ein Beweis, dass er gesund sei – und dass das Spray nicht notwendig war. Unsichtbare Prozesse, wie die schleichende Entzündung in den Atemwegen, blieben für ihn im Hintergrund. Typisch für die Verfügbarkeitsheuristik: Unser Gehirn gewichtet Informationen, die leicht verfügbar und unmittelbar spürbar sind, stärker als jene, die abstrakt, unsichtbar oder nur in Zahlen und Erklärungen fassbar sind.


2. Kurzsichtiger Nutzen (Present Bias)
Jedes Auslassen der Inhalation versprach einen kleinen Gewinn: keinen Aufwand, keine möglichen Nebenwirkungen. Diese kurzfristigen Vorteile erschienen greifbar, während der langfristige Nutzen – Schutz vor Verschlechterung – weit weg und abstrakt blieb. Der Present Bias sorgt dafür, dass wir dem Jetzt mehr Bedeutung geben als der Zukunft, auch wenn die Folgen später gravierend sein können.


3. Bestätigung durch Alltagserfahrung (Selbstbestätigungsfalle / Confirmation Bias)
Immer wenn Thomas das Spray wegließ und trotzdem keine Beschwerden bekam, fühlte er sich in seiner Einschätzung bestärkt. Er wertete nur die Situationen, die seine Sicht bestätigten, und blendete Informationen aus, die dagegen sprachen – etwa die ärztliche Erklärung zur vorbeugenden Wirkung. So verstärkte sich das Muster Schritt für Schritt, bis es wie eine persönliche Gewissheit wirkte.


Was Thomas zum Umdenken gebracht hat

Der Wendepunkt kam bei einer Routinekontrolle. Der Arzt fragte:

„Wie ist eigentlich Ihr Verständnis Ihrer Erkrankung?“

Thomas antwortete ausweichend:
„Ich nehme vor allem die Beschwerden wahr, was im Hintergrund so abgeht, interessiert mich eher weniger.“

Diese Antwort legte die Vermutung nahe: Thomas bewertete seine Erkrankung nur nach dem, was er direkt spürte – Atemnot oder Husten. Unsichtbare Prozesse wie die stille Entzündung in den Atemwegen blendete er aus.

Diese Einstellung ist typisch für die Verfügbarkeitsheuristik: Wir orientieren uns an dem, was sofort präsent ist, und unterschätzen, was nicht unmittelbar wahrnehmbar ist.

Daraufhin nutzte der Arzt ein starkes Bild:
„Asthma ist wie ein Feuer, das im Hintergrund schwelt. Wenn Sie das Spray weglassen, geben Sie dem Feuer wieder Sauerstoff. Die Flammen sehen Sie erst, wenn es zu spät ist.“

Dieses Bild half Thomas, sein Denken zu verändern: Entscheidend ist nicht, ob er gerade Beschwerden hat – sondern ob die Entzündung dauerhaft kontrolliert bleibt.

Was andere Patient:innen aus Thomas’ Geschichte lernen können

  • Symptomfreiheit ist trügerisch: Nur weil Sie gerade keine Atemnot spüren, heißt das nicht, dass die Krankheit verschwunden ist. Medikamente wirken oft im Hintergrund – und genau das macht sie so wichtig.

  • Kurzfristige Bequemlichkeit kann teuer werden: Es mag angenehm sein, das Spray mal wegzulassen. Doch dieser kleine Vorteil jetzt kann später große Nachteile bringen – bis hin zu einem Notfall.

  • Eigene Erfahrungen sind nicht immer der beste Ratgeber: Wenn es nach dem Weglassen scheinbar gut geht, bestätigt das nur einen Teil der Wahrheit. Die unsichtbare Entzündung bleibt – auch wenn man sie nicht merkt.

Thomas’ Geschichte macht deutlich: Wer seine Therapie einfach aussetzt, geht ein Risiko ein, das vermeidbar wäre. Besser ist es, Zweifel offen mit dem Arzt oder der Apotheke zu besprechen – und die Behandlung so anzupassen, dass sie langfristig schützt.

Thomas und die „Verfügbarkeitsheuristik“

Eine Ursache für Thomas‘ Entscheidung war die sogenannte Verfügbarkeitsheuristik

Heuristiken sind mentale Daumenregeln, die uns im Alltag helfen, mit wenigen Informationen hinreichend gute Entscheidungen zu treffen. Sie können uns aber auch leicht auf den Holzweg führen, insbesondere in Bereichen, wo wir wenig Wissen und Erfahrungen haben. Mehr dazu erfahren Sie hier: 

Gute Karten für bessere Entscheidungen

Die oben abgebildete Karte ist Teil des Kartensatzes „Gute Karten für bessere Entscheidungen“. Sie finden ihn demnächst in unserem Online Shop.

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