Bernd ist einer von 154 Patient:innen, die mit uns offen über ihren Umgang mit Arzneimitteln gesprochen haben. Er wollte, dass seine Geschichte veröffentlicht wird – damit andere aus seiner falschen Entscheidung lernen können.
Die Inhalte dienen ausschließlich Ihrer allgemeinen Information. Sie ersetzen nicht das persönliche Gespräch mit Ärzt:innen oder Apotheker:innen. Unsere Informationen, Entscheidungshilfen und Tipps möchten Sie dabei unterstützen, gut informierte und überlegte Entscheidungen zu treffen. Sie entbinden Sie jedoch nicht von der persönlichen Verantwortung – und können keine Garantie für eine im individuellen Fall „richtige“ Entscheidung geben. Die Namen und Bilder wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.
Bei Fragen, Unsicherheiten oder Nebenwirkungen in Ihrem persönlichen Fall, wenden Sie sich bitte direkt an Ihre behandelnde Ärztin, Ihren Arzt oder an eine Apothekerin bzw. einen Apotheker Ihres Vertrauens.
Beachten Sie auch unsere 5 Denkanstöße für bessere Entscheidungen.
Warum Bernd seine Geschichte veröffentlicht hat
Bernd hat lange überlegt, ob er seine Geschichte erzählen soll. Schließlich ist eine Herz-Kreislauf-Erkrankung nichts, worüber man gerne spricht – schon gar nicht, wenn man eine Therapie abgebrochen hat, die helfen sollte.
Doch dann wurde ihm klar: Genau das ist der Punkt.
„Ich habe nicht abgebrochen, weil ich stur war. Sondern weil ich mein Gefühl nicht durchschaut habe. Ich dachte, es ist eine rationale Entscheidung – aber es war ein Reflex.“
Heute sieht er klarer: Die Erinnerung an die Statine hat seine Sicht auf das neue Medikament verzerrt. Es war nicht Evolocumab, das ihn abgeschreckt hat – sondern das Bild, das seine Erfahrung ihm vor Augen geführt hat.
„Ich wünsche mir, dass andere sich nicht von alten Erfahrungen blenden lassen. Es lohnt sich, über die eigenen inneren Bilder zu sprechen – mit dem Arzt, mit der Familie, mit sich selbst.“
Bernd möchte mit seiner Geschichte dazu beitragen, dass Patient:innen nicht nur über Risiken und Nutzen informiert werden, sondern auch über die Denkmechanismen, die ihre Entscheidungen leiten. Denn manchmal ist nicht das Medikament das Problem – sondern die Art, wie wir darüber denken.
Diagnose und Therapie
Bernd K. ist 62 Jahre alt, selbstständig und bis vor Kurzem fit und aktiv. Dann erlitt er einen Herzinfarkt – ein einschneidendes Erlebnis, das ihn plötzlich mit seiner Gesundheit konfrontierte.
Die Ursache war schnell klar: Er hat eine erblich bedingte Fettstoffwechselstörung, bei der das sogenannte LDL-Cholesterin – das „schlechte“ Cholesterin – im Blut viel zu hoch ist. Das erhöht das Risiko für Herzinfarkte erheblich.
Sein Arzt stellte ihn zunächst auf ein stark wirksames Medikament (ein sogenanntes Statin) ein, das den Cholesterinwert senken sollte. Doch schon nach kurzer Zeit bekam Bernd Muskelschmerzen.
Er fühlte sich müde, unbeweglich, „wie ein alter Mann“, wie er selbst sagt – und beschloss, das Medikament auf eigene Faust abzusetzen.
Ein zweiter Versuch mit einem anderen Mittel (Ezetimib) brachte kaum Verbesserung. Trotz gesunder Ernährung, Bewegung und großer Motivation blieb sein Cholesterinwert gefährlich hoch.
Daraufhin empfahl ihm sein Kardiologe eine moderne Therapie mit Evolocumab – einem Medikament, das alle zwei Wochen per Spritze verabreicht wird und das LDL-Cholesterin sehr wirksam senken kann.
Bernd war offen dafür, begann mit der Behandlung – brach sie aber nach zwei Injektionen wieder ab.
Warum hat Bernd die Therapie abgebrochen?
Bernd konnte keinen medizinischen Grund nennen. Ihm ging es körperlich gut – er spürte keine Nebenwirkungen. Und doch entschied er:
„Ich will das nicht mehr.“
Was in diesem Moment wirkte, war weniger Logik als Vorstellungskraft. Bernd schildert:
„Sobald ich die Spritze sah, hatte ich sofort die Bilder im Kopf, wie schlecht es mir damals mit den Statinen ging. Ich habe mir ausgemalt, dass es wieder genauso kommt – müde, unbeweglich, ausgeliefert. Und diesen Gedanken konnte ich nicht abschütteln.“
Das ist ein typisches Beispiel für die Simulationsheuristik: Wir neigen dazu, Entscheidungen danach zu treffen, wie leicht wir uns einen Ausgang vorstellen können. Für Bernd war das negative Szenario so lebendig und greifbar, dass es realer wirkte als die nüchternen Informationen seines Arztes. Obwohl er mit Evolocumab keine Beschwerden hatte, reichte die Vorstellung einer möglichen Wiederholung aus, um die Therapie zu beenden.
Was Bernd zum Umdenken brachte
Einige Wochen nach dem Abbruch merkte Bernd, dass sein Cholesterinwert wieder gefährlich hoch war. Er fühlte sich einerseits erleichtert, keine Spritzen mehr nehmen zu müssen – andererseits wuchs die Sorge vor einem zweiten Herzinfarkt.
Entscheidend war ein Gespräch mit seinem Kardiologen. Statt Druck aufzubauen, hörte der Arzt zu und fragte:
„Was genau befürchten Sie, wenn Sie das Medikament weiternehmen?“
Bernd sprach offen über seine Angst, wieder so eingeschränkt zu sein wie damals mit den Statinen. Der Arzt erklärte ruhig den Unterschied zwischen den beiden Therapien – und dass seine Befürchtung eher ein gedankliches „Szenario“ war als eine reale Gefahr. Um das greifbar zu machen, zeigte er Bernd die aktuellen Laborwerte: ein objektiver Beleg dafür, wie wirksam Evolocumab war.
Das half Bernd, Abstand zu seinen inneren Bildern zu gewinnen. Er verstand: Nicht jede Vorstellung ist eine Prognose. Und dass er eine zweite Chance hatte, seine Gesundheit zu schützen – wenn er die Therapie konsequent weiterführte.
Was können andere Patient:innen daraus lernen?
Unsere Vorstellungskraft ist mächtig. Sie kann uns motivieren – oder uns in die Irre führen. Bernd hat die Therapie nicht wegen echter Nebenwirkungen abgebrochen, sondern weil er sich lebhaft ausmalte, dass es wieder so schlimm werden könnte wie mit den Statinen.
Das zeigt: Was wir uns leicht vorstellen können, wirkt oft überzeugender als nüchterne Fakten. Doch innere Bilder sind keine Vorhersagen. Sie spiegeln mehr unsere Ängste als die Realität wider.
Darum lohnt es sich, solche Befürchtungen offen mit Ärzt:innen zu besprechen. Sie können erklären, was tatsächlich zu erwarten ist – und helfen, zwischen gefühlten Szenarien und gesicherten Informationen zu unterscheiden.
Bernd und die „Simulationsheuristik“
Eine Ursache für Bernds Entscheidung war die sogenannte Simulationsheuristik.
Heuristiken sind mentale Abkürzungen, mit denen wir Entscheidungen vereinfachen – oft nützlich, manchmal irreführend. Mehr darüber erfahren Sie hier:
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