Bärbel V. und unsere Abkürzungen beim Entscheiden
„Ich dachte, ich hätte gründlich abgewogen – dabei habe ich nur das gesehen, was mir greifbar war.“

1. Was ist passiert?
Bärbel ist 52 Jahre alt. Nach einem leichten Auffahrunfall kam sie mit Schmerzen in die Notaufnahme. Die Diagnose: zwei Rippen gebrochen – obwohl der Stoß eher harmlos war. Die Ärzte wurden hellhörig. Eine Knochendichtemessung ergab: Osteoporose – eine Erkrankung, bei der die Knochen an Stabilität verlieren und leichter brechen.
Ihr Arzt empfahl ein modernes Medikament namens Romosozumab, das den Knochenaufbau anregen und helfen soll, weitere Brüche zu vermeiden. Doch Bärbel zögerte – und lehnte schließlich ab.
2. Was Sie über das Abwägen wissen sollten
Bärbel sagte:
„Ich bin ein rationaler Mensch. Ich habe alles abgewogen – und mich bewusst gegen das Medikament entschieden.“
Abwägen klingt nach Klarheit. Doch was wird da eigentlich abgewogen?
Patient:innen wie Bärbel müssen Informationen verarbeiten, Risiken einschätzen, Zukunftsverläufe durchdenken – meist ohne medizinisches Vorwissen, unter Zeitdruck und in emotionaler Ausnahmesituation. Das Gehirn stößt hier schnell an seine Grenzen.
Wissenschaftler nennen das begrenzte kognitive Kapazität: Wir haben nur eine begrenzte Menge an Aufmerksamkeit, Geduld und Vorstellungskraft. Wenn diese Ressourcen erschöpft sind, greift das Gehirn zu Abkürzungen – sogenannten Heuristiken.
3. Warum hat sich Bärbel gegen das Medikament entschieden?
Bärbel hatte im Internet viele kritische Erfahrungsberichte gefunden. In Foren wurde vor Nebenwirkungen gewarnt, andere Patient:innen schilderten Ängste vor neuen Medikamenten.
Zudem traf sie zwei Frauen, die ebenfalls Osteoporose hatten – und meinten, sie kämen gut ohne Medikamente aus: mit Vitamin D, Kalzium und regelmäßiger Messung.
Diese Eindrücke waren lebendig, konkret und emotional.
Die Empfehlung des Arztes dagegen blieb abstrakt: ein Nutzen, der sich vielleicht erst Jahre später zeigt, und eine Therapie, von der man nichts „spürt“, wenn sie wirkt.
Was bei Bärbel wirkte, war eine klassische Verfügbarkeitsheuristik: Unser Gehirn orientiert sich bevorzugt an dem, was leicht zugänglich, anschaulich und greifbar ist – nicht unbedingt an dem, was sachlich richtig oder statistisch relevant ist.
Sie dachte, sie hätte sorgfältig abgewogen. Tatsächlich hatte sie sich vor allem an das gehalten, was ihr emotional präsent war. Und das war: kritische Stimmen, persönliche Erzählungen, Vorsicht.
4. Wie hat ihr Arzt sie doch noch überzeugt?
Bärbels Arzt reagierte ruhig – und klug. Er wiederholte nicht einfach seine Empfehlung, sondern stellte eine neue Frage:
„Wenn Sie sich bewusst gegen das Medikament entscheiden – wogegen genau entscheiden Sie sich dann?“
Diese einfache Wendung half. Denn Bärbel hatte sich nicht gegen die Erkrankung, sondern gegen ein unangenehmes Gefühl entschieden: Misstrauen, Unsicherheit, Angst vor Unbekanntem. Aber sie hatte nicht die Folgen der Nichtbehandlung durchdacht.
Der Arzt zeigte ihr dann ein Bild: Zwei identische Skelette – das eine mit normaler Knochendichte, das andere mit Osteoporose. Und daneben: die Veränderung nach einem Jahr Therapie.
Er sagte:
„Sie müssen das Medikament nicht mögen. Aber Sie sollten wissen, was es leisten kann – und was passiert, wenn Sie es nicht nehmen.“
Bärbel überlegte. Diesmal länger. Und entschied sich für einen Therapieversuch.
5. Was können andere Patient:innen aus dem Fall lernen?
Abwägen ist wichtig – aber es braucht eine gute Grundlage.
Nur weil man etwas „durchdacht“ hat, heißt das nicht automatisch, dass die Entscheidung auch sachlich tragfähig ist.
Viele Entscheidungen basieren auf Eindrücken, Bildern, Erlebnissen – nicht auf systematischer Information.
Gerade Online-Erfahrungsberichte oder Gespräche mit anderen Betroffenen wirken emotional glaubwürdiger als abstrakte Risiken oder statistische Wahrscheinlichkeiten.
Aber: Nur weil eine Geschichte nahegeht, heißt das nicht, dass sie repräsentativ oder hilfreich ist. Gute Entscheidungen entstehen dort, wo Emotion, Information und langfristiger Nutzen gemeinsam betrachtet werden.
Warum Bärbel ihre Geschichte veröffentlicht hat
Bärbel sagt heute:
„Ich dachte, ich hätte abgewogen – aber ich habe nur das gespürt, was lauter war.“
Sie möchte ihre Geschichte teilen, weil sie weiß, wie leicht man sich von emotional eindrücklichen Eindrücken leiten lässt – vor allem, wenn die Entscheidung unangenehm ist und das Vertrauen in eine Therapie noch nicht gewachsen ist.
„Ich will anderen zeigen, dass es okay ist zu zweifeln – aber dass man trotzdem offen bleiben sollte. Nicht jede Unsicherheit ist ein guter Ratgeber.“
Dass sie heute ihre Therapie konsequent durchzieht, liegt nicht daran, dass sie plötzlich überzeugt ist – sondern daran, dass ihr Arzt den Zweifel ernst genommen und ihr gezeigt hat, worum es wirklich geht: nicht um Angst vor Nebenwirkungen, sondern um Schutz vor etwas, das man nicht spürt – aber das trotzdem real ist.
Entscheidungen wie die von Bärbel waren der Anlass für ein Bildmotiv, das heute in vielen Arztpraxen und Apotheken hängt.
Die Botschaft an Patient:innen lautet: Gerade wenn es um Therapietreue geht, lohnt es sich, genauer hinzusehen – und gemeinsam mit dem Arzt oder der Ärztin gut informierte Entscheidungen zu treffen.

Bärbel und unsere Abkürzungen beim Entscheiden.
Ein Grund für Bärbels Entscheidung gegen das Medikament war, dass sie eine Abkürzung genommen und mit echtem Abwägen verwechselt hat.

Mehr über unsere Abkürzungen beim Entscheiden finden Sie hier.
Gute Karten für bessere Entscheidungen
Die oben abgebildete Karte ist Teil des Kartensatzes „Gute Karten für bessere Entscheidungen“. Sie finden ihn demnächst in unserem Online Shop.

Abonnieren Sie unseren Newsletter
Er hilft Ihnen, gute Entscheidungen zu treffen
Kurz. Unabhängig. Hilfreich.
Bleiben Sie auf dem Laufenden und treffen Sie Entscheidungen, mit denen Sie Kopf und Herz in Einklang bringen.
