Bernd K. und die Verfügbarkeitsheuristik
„Es war nicht das Medikament, das mir Sorge gemacht hat –
es war die Erinnerung.“

1. Was ist passiert?
Bernd K. ist 62 Jahre alt, selbstständig und bis vor Kurzem fit und aktiv. Dann erlitt er einen Herzinfarkt – ein einschneidendes Erlebnis, das ihn plötzlich mit seiner Gesundheit konfrontierte.
Die Ursache war schnell klar: Er hat eine erblich bedingte Fettstoffwechselstörung, bei der das sogenannte LDL-Cholesterin – das „schlechte“ Cholesterin – im Blut viel zu hoch ist. Das erhöht das Risiko für Herzinfarkte erheblich.
Sein Arzt stellte ihn zunächst auf ein stark wirksames Medikament (ein sogenanntes Statin) ein, das den Cholesterinwert senken sollte. Doch schon nach kurzer Zeit bekam Bernd starke Muskelschmerzen.
Er fühlte sich müde, unbeweglich, „wie ein alter Mann“, wie er selbst sagt – und beschloss, das Medikament auf eigene Faust abzusetzen.
Ein zweiter Versuch mit einem anderen Mittel (Ezetimib) brachte kaum Verbesserung. Trotz gesunder Ernährung, Bewegung und großer Motivation blieb sein Cholesterinwert gefährlich hoch.
Daraufhin empfahl ihm sein Kardiologe eine moderne Therapie mit Evolocumab – einem Medikament, das alle zwei Wochen per Spritze verabreicht wird und das LDL-Cholesterin sehr wirksam senken kann.
Bernd war offen dafür, begann mit der Behandlung – brach sie aber nach zwei Injektionen wieder ab.
2. Warum hat Bernd die Therapie abgebrochen?
Bernd konnte keinen medizinischen Grund nennen. Ihm ging es körperlich gut – er spürte keine Nebenwirkungen. Und doch entschied er:
„Ich will das nicht mehr.“
Er beschreibt den Moment so:
„Ich wollte mich nicht ständig daran erinnern, dass ich krank bin. Außerdem weiß man ja nie, was solche neuen Medikamente langfristig machen. Und ganz ehrlich: Ich musste sofort an meine Erfahrung mit den Statinen denken. Wie schlecht es mir damals ging – das war sofort wieder da.“
Bernds Fall zeigt, wie stark frühere Erfahrungen unsere Entscheidungen beeinflussen können. Sein Kopf wusste, dass das neue Medikament sinnvoll war. Aber sein Gefühl – gespeist aus einer belastenden Vergangenheit – sagte Nein.
Es kam zu einem inneren Konflikt: Herz und Hirn waren nicht im Einklang.
3. Die Verfügbarkeitsheuristik – und wie sie Bernds Entscheidung beeinflusst hat
Die Verfügbarkeitsheuristik ist ein Denkmechanismus, bei dem Menschen das für besonders wichtig oder wahrscheinlich halten, was ihnen spontan und emotional präsent ist. Unser Gehirn neigt dazu, Entscheidungen auf der Basis von Informationen zu treffen, die leicht abrufbar sind – selbst wenn diese verzerrt oder veraltet sind.
In Bernds Fall war es die Erinnerung an die Statintherapie, die mit Schmerzen und Kontrollverlust verbunden war. Diese Erfahrung lag „oberflächennah“ im Gedächtnis – sie war sofort verfügbar, intensiv, unangenehm. Obwohl sie mit dem neuen Medikament weder medizinisch noch inhaltlich etwas zu tun hatte, beeinflusste sie seine Einschätzung massiv.
Bernd traute Evolocumab nicht, nicht wegen Fakten, sondern weil seine innere Bilderwelt ihm sagte: „Sowas hatte ich schon mal – und das ging schlecht aus.“
Die Verfügbarkeitsheuristik machte es schwer, das Neue unvoreingenommen zu bewerten.
Solche Effekte sind menschlich – aber gefährlich, wenn sie wichtige medizinische Entscheidungen verzerren.
4. Was können andere Patient:innen daraus lernen?
Gute Entscheidungen brauchen mehr als Information.
Sie entstehen, wenn man nicht nur weiß, was richtig ist – sondern es auch fühlen kann.
Gerade bei chronischen Erkrankungen und neuen Therapien ist es wichtig, sich nicht allein vom ersten Impuls leiten zu lassen. Denn dieser basiert oft nicht auf dem aktuellen Medikament, sondern auf alten Bildern im Kopf.
Wer mit seinen Ärzt:innen offen über Zweifel, Sorgen und Erfahrungen spricht, hat die Chance, eine Entscheidung zu treffen, die nicht reflexhaft, sondern reflektiert ist.
5. Wie kann man Herz und Hirn bei Entscheidungen in Einklang bringen?
Die beste Entscheidung entsteht dort, wo Gefühl und Verstand sich gegenseitig ernst nehmen.
Dafür helfen folgende Schritte:
- 🗣 Zweifel ansprechen. Bauchgefühle sind nicht falsch – sie sind Hinweise. Aber sie gehören ins Gespräch, nicht in die stille Abwägung allein.
- 🔍 Das Gefühl hinterfragen. Ist es wirklich die aktuelle Therapie – oder eine alte Erinnerung, die das Urteil verzerrt?
- 📚 Informationen nutzen. Neue Medikamente sind oft besser verträglich, gezielter wirksam und gut erforscht. Wer sich informiert, kann Vertrauen aufbauen.
- 👂 Zuhören lassen. Gute Ärzt:innen wollen nicht nur therapieren, sondern auch verstehen. Wer das Gespräch sucht, wird meist nicht überredet – sondern begleitet.
- ⏳ Sich Zeit geben. Ein zweiter Gedanke ist oft besser als der erste. Gute Entscheidungen dürfen reifen.
Warum Bernd seine Geschichte veröffentlicht hat
Bernd hat lange überlegt, ob er seine Geschichte erzählen soll. Schließlich ist eine Herz-Kreislauf-Erkrankung nichts, worüber man gerne spricht – schon gar nicht, wenn man eine Therapie abgebrochen hat, die helfen sollte.
Doch dann wurde ihm klar: Genau das ist der Punkt.
„Ich habe nicht abgebrochen, weil ich stur war. Sondern weil ich mein Gefühl nicht durchschaut habe. Ich dachte, es ist eine rationale Entscheidung – aber es war ein Reflex.“
Heute sieht er klarer: Die Erinnerung an die Statine hat seine Sicht auf das neue Medikament verzerrt. Es war nicht Evolocumab, das ihn abgeschreckt hat – sondern das Bild, das seine Erfahrung ihm vor Augen geführt hat.
„Ich wünsche mir, dass andere sich nicht von alten Erfahrungen blenden lassen. Es lohnt sich, über die eigenen inneren Bilder zu sprechen – mit dem Arzt, mit der Familie, mit sich selbst.“
Bernd möchte mit seiner Geschichte dazu beitragen, dass Patient:innen nicht nur über Risiken und Nutzen informiert werden, sondern auch über die Denkmechanismen, die ihre Entscheidungen leiten. Denn manchmal ist nicht das Medikament das Problem – sondern die Art, wie wir darüber denken.
Entscheidungen wie die von Bernd waren der Anlass für ein Bildmotiv, das heute in vielen Arztpraxen und Apotheken hängt.
Die Botschaft des Posters an diese Patient:innen lautet: „Bring’ Herz und Hirn in Einklang.“ Denn wer nur dem Kopf oder nur dem Gefühl folgt, verpasst oft die Chance auf eine ausgewogene Entscheidung. Gerade bei Gesundheitsfragen lohnt es sich, beides ernst zu nehmen: Was sich richtig anfühlt – und was sachlich überzeugt. Entscheidungen gelingen am besten, wenn Herz und Verstand gemeinsam spielen.

Bernd und die Verfügbarkeitsheuristik
Eine Ursache für Berndes Entscheidung war die Verfügbarkeitsheuristik (siehe Punkt 3).

Heuristiken sind mentale Abkürzungen, mit denen wir Entscheidungen vereinfachen – oft nützlich, manchmal irreführend.
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