Jonas A. und die Bauchentscheidung
„Ich kann es nicht genau erklären – es hat sich einfach nicht richtig angefühlt, diese Therapie zu beginnen.“

1. Was ist passiert?
Jonas leidet seit vielen Jahren an schwerer Psoriasis – einer chronischen Hautentzündung, die nicht nur juckt und schmerzt, sondern auch seinen Alltag massiv einschränkt. Neue Kleidung trägt er kaum, Einladungen sagt er oft ab. Die Krankheit beeinträchtigt sein Berufsleben, sein Selbstwertgefühl und seine sozialen Kontakte.
Er hat viele Therapien ausprobiert – Salben, Lichtbehandlungen, Tabletten. Keine brachte eine dauerhafte Besserung.
Sein Hautarzt schlägt nun ein modernes Biologikum vor: Secukinumab.
Ein Medikament, das gezielt in den Entzündungsprozess eingreift, oft schon nach wenigen Wochen spürbar hilft – und laut Studien auch langfristig sehr gute Ergebnisse zeigt.
Jonas liest sich ein, informiert sich online, fragt andere Betroffene. Und am Ende lehnt er ab – ohne klare Begründung.
„Mein Bauchgefühl sagt Nein“, erklärt er seinem Arzt.
2. Warum hat Jonas das Medikament abgelehnt?
Jonas hat keine konkreten medizinischen Einwände. Er hat keine Nebenwirkungen erlebt – denn er hat das Medikament nie genommen. Was ihn abhält, ist ein diffuses Unbehagen: Die Vorstellung, sich regelmäßig etwas zu spritzen, das ins Immunsystem eingreift, fühlt sich für ihn „nicht richtig“ an.
Er kann es nicht benennen – aber auch nicht ignorieren. Je mehr er liest, desto weniger fühlt er sich wohl bei dem Gedanken an diese Therapie.
Ein klassischer Fall von Bauchentscheidung.
In vielen Lebensbereichen ist das Bauchgefühl ein wertvoller Kompass. Doch in der Medizin – besonders bei chronischen Erkrankungen – kann es in die Irre führen. Denn Intuition basiert nicht auf Fakten, sondern auf Gefühlen, Erfahrungen, Bildern und Assoziationen. Und diese sind oft geprägt von Angst, Halbwissen oder voreiligen Schlüssen.
3. Was ist überhaupt eine Bauchentscheidung?
Bauchentscheidungen sind schnell, intuitiv und mühelos. Unser Gehirn versucht, komplexe Situationen mit minimalem Aufwand zu bewerten. Was sich gut anfühlt, wird als „richtig“ empfunden. Diese Denkweise – auch System 1 genannt – hilft im Alltag, ist aber anfällig für Verzerrungen.
Solche Entscheidungen sind sinnvoll, wenn:
- man über viel Erfahrung in einem bestimmten Bereich verfügt,
- die Situation vertraut ist,
- schnelle Reaktion gefragt ist.
Sie sind riskant, wenn:
- es um komplexe, medizinische Zusammenhänge geht,
- Emotionen (z. B. Angst) das Denken verzerren,
- die Entscheidung langfristige Konsequenzen hat.
In Jonas’ Fall war das Bauchgefühl nicht Ausdruck von Erfahrung – sondern von Unsicherheit.
Er fragte sich nicht:
„Wie wirksam ist das Medikament für meine Erkrankung?“
Sondern nur:
„Fühlt sich das richtig an?“
Und das reichte ihm – zunächst – als Entscheidung.
4. Wie hat Jonas’ Arzt ihn letztendlich doch überzeugt?
Sein Arzt reagierte nicht mit Druck, sondern mit Offenheit.
„Dass Sie ein schlechtes Gefühl haben, ist völlig legitim. Wollen wir gemeinsam schauen, woher es kommt?“
Diese Haltung veränderte alles. Statt Jonas zu überzeugen, lud der Arzt ihn zum Nachdenken ein. Er stellte Fragen:
- „Was genau macht Ihnen Sorgen?“
- „Ist es das Spritzen an sich – oder die Vorstellung vom Eingriff ins Immunsystem?“
- „Was glauben Sie, passiert, wenn wir nichts tun?“
Der Arzt erklärte, wie das Medikament wirkt, wie gut es vertragen wird, welche Langzeitdaten vorliegen – und dass bei Jonas die Chancen auf Besserung sehr hoch seien.
Vor allem aber sagte er:
„Es ist Ihre Entscheidung. Ich möchte nur, dass Sie sie nicht allein treffen müssen.“
Jonas nahm sich Zeit. In der Woche darauf kam er zurück – ruhiger, sicherer.
„Ich glaube, ich wollte nicht einfach ein neues Medikament ablehnen – ich wollte nicht wieder enttäuscht werden. Jetzt sehe ich: Es könnte diesmal anders sein.“
Er begann die Therapie. Nach sechs Wochen war seine Haut deutlich besser. Nach zwölf: nahezu beschwerdefrei.
5. Was können andere Patient:innen aus Jonas’ Fall lernen?
Das Bauchgefühl ist ein Signal – aber kein Beweis.
Wenn sich eine Therapie „nicht richtig anfühlt“, lohnt es sich, hinzusehen:
Was steckt dahinter? Angst? Zweifel? Schlechte Erfahrungen?
Gerade bei chronischen Erkrankungen wie Psoriasis ist es wichtig, zwischen dem Gefühl im Moment und der langfristigen Wirkung zu unterscheiden.
Denn:
Nicht jede Abneigung ist ein gutes Argument.
Das Bauchgefühl darf Platz haben – aber es sollte Ausgangspunkt eines Gesprächs sein, nicht das Ende einer Entscheidung. Wer mit Ärzt:innen offen über Zweifel spricht, trifft meist bessere, tragfähigere Entscheidungen..
Warum Jonas seine Geschichte veröffentlicht hat
Jonas hat lange geglaubt, dass seine Entscheidung gegen das Biologikum „aus dem Bauch heraus“ richtig war. Sie fühlte sich ehrlich an – und schützend. Doch mit etwas Abstand erkannte er: Dieses Gefühl beruhte weniger auf Fakten als auf Unsicherheit, Sorge und der Vorstellung, „lieber nichts falsch zu machen“.
Erst im Gespräch mit seinem Arzt konnte er begreifen, dass sein Bauchgefühl in diesem Fall nicht neutral war, sondern durch Ängste und innere Bilder geprägt – vor allem durch die Sorge, sich mit dem Medikament in eine neue Abhängigkeit zu begeben oder ungewollt „chemisch behandelt“ zu fühlen.
Heute, nach dem Beginn der Therapie mit Secukinumab, sagt Jonas:
„Ich hätte damals beinahe eine große Chance verpasst – einfach, weil mir das Gefühl nicht geheuer war. Heute weiß ich: Bauchgefühl darf sein. Aber man sollte ihm nicht allein das Steuer überlassen.“
Er hat sich entschieden, seine Geschichte zu teilen – weil viele Menschen mit chronischen Erkrankungen vor ähnlichen Entscheidungen stehen. Entscheidungen, bei denen es nicht nur um Zahlen und Studien geht, sondern um Ängste, Hoffnungen und Bilder im Kopf. Jonas möchte Mut machen, das eigene Gefühl ernst zu nehmen – aber auch zu hinterfragen. Und vor allem: Entscheidungen gemeinsam mit dem Arzt zu treffen – nicht gegen ihn.dern auch um Vertrauen.
Entscheidungen wie die von Jonas waren der Anlass für ein Bildmotiv, das heute in vielen Arztpraxen und Apotheken hängt.
Die Botschaft an Patient:innen lautet: Gefühle sind wichtige Wegweiser – aber nicht immer verlässlich. Gerade bei medizinischen Fragen reagieren wir oft auf Angst, Misstrauen oder einzelne Erfahrungen – nicht auf belastbare Informationen.

Jonas und das Bauchgefühl
Der Grund, warum sich Jonas gegen das Medikament entschieden hat, war sein Bauchgefühl.

Unter welchen Voraussetzungen man sich auf sein Bauchgefühl verlassen kann, erfahren Sie hier.
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