Urteilsfehler


Wir alle wollen gute Entscheidungen treffen – gerade wenn es um unsere Gesundheit geht. Aber viele Menschen erleben im Rückblick: „Ich hätte damals anders entscheiden sollen.“ Warum ist das so? Warum biegen wir manchmal falsch ab – obwohl wir es eigentlich besser wissen? Die Antwort liegt in der Art, wie unser Gehirn arbeitet.


1. Wie treffen wir eigentlich eine Entscheidung?

Entscheidungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind das Ergebnis dessen, was wir wissen, fühlen, glauben und hoffen. Unser Gehirn verarbeitet ständig Informationen – manche bewusst, viele unbewusst. Am Ende steht ein „Bauchgefühl“ oder ein gedanklicher Entschluss. Doch was sich oft wie eine klare Entscheidung anfühlt, ist in Wirklichkeit stark von unbewussten Mustern geprägt.


2. Schnelles Denken, langsames Denken

Der Psychologe Daniel Kahneman unterscheidet zwei Denkweisen:

  • System 1 ist schnell, intuitiv, automatisch. Es hilft uns, rasch auf Situationen zu reagieren – aber es arbeitet oft mit Vereinfachungen.
  • System 2 ist langsamer, überlegter, analytisch – aber auch anstrengender. Wir nutzen es, wenn wir bewusst nachdenken oder Alternativen abwägen.

In vielen Alltagssituationen ist das schnelle Denken hilfreich. Doch bei wichtigen Gesundheitsentscheidungen kann es in die Irre führen, wenn wir zu schnell urteilen, Risiken falsch einschätzen oder uns von Ängsten leiten lassen.


3. Unsere Abkürzungen beim Entscheiden

Unser Gehirn liebt Abkürzungen – sogenannte mentale Heuristiken. Sie helfen uns, Entscheidungen zu treffen, ohne alles durchrechnen zu müssen. Beispiele:

  • Verfügbarkeitsheuristik: Was uns besonders präsent ist (z. B. eine Geschichte aus dem Bekanntenkreis), halten wir für wahrscheinlicher.
  • Anker-Effekt: Eine zuerst genannte Zahl oder Information beeinflusst unser Urteil – auch wenn sie zufällig war.
  • Bestätigungsfehler: Wir suchen gezielt nach Informationen, die unsere Meinung stützen – und blenden widersprüchliche Hinweise aus.

Diese Denkabkürzungen sind nützlich, aber sie können uns in die Irre führen – besonders dann, wenn es um komplexe oder emotionale Entscheidungen geht.


4. Was ist eine Bauchentscheidung – und wann kann man sich darauf verlassen?

„Ich habe auf mein Bauchgefühl gehört.“ Das klingt nach innerer Weisheit – und manchmal ist es das auch. Bauchentscheidungen entstehen oft aus Erfahrung und unbewusstem Wissen. Sie können dann hilfreich sein, wenn wir uns in einem Bereich gut auskennen.

Aber: In neuen, komplexen oder bedrohlichen Situationen ist das Bauchgefühl oft ein schlechter Ratgeber. Es basiert dann nicht auf Erfahrung, sondern auf Angst, Wunschdenken oder Fehlinformationen. Gerade bei medizinischen Fragen lohnt es sich deshalb, einen Moment innezuhalten – und das eigene Bauchgefühl zu hinterfragen.


5. Typische Denkfehler – ein Überblick

Hier einige der häufigsten Denkfehler, die bei Gesundheitsentscheidungen eine Rolle spielen:

  • „Ich weiß schon, was los ist“ (Übereilte Schlussfolgerung)
  • „Das wird bei mir schon nicht so schlimm sein“ (Optimismusverzerrung)
  • „Ich habe schon so viel in diese Therapie investiert – jetzt ziehe ich es durch“ (Verlustaversion / Eskalation der Verpflichtung)
  • „Ich bin kein Typ für Medikamente“ (Schubladendenken über sich selbst)
  • „Der Arzt wird schon wissen, was richtig ist“ (Autoritäts-Bias)

Diese Fehler passieren unbewusst – aber sie lassen sich erkennen, wenn man weiß, worauf man achten sollte.

Aus Sicht der kognitiven Psychologie sind solche Denkfehler keine Ausnahme, sondern die Regel. Unser Gehirn arbeitet mit begrenzten Ressourcen – es sucht nach schnellen, einfachen Antworten, besonders unter Stress, Zeitdruck oder Unsicherheit. Statt jede Entscheidung rational durchzurechnen, greifen wir automatisch auf mentale Abkürzungen zurück. Diese sogenannten Heuristiken sind oft nützlich – aber sie machen uns anfällig für systematische Urteilsverzerrungen.

Das bedeutet: Denkfehler sind kein individuelles Versagen, sondern ein normales Merkmal menschlichen Denkens. Wer das erkennt, kann beginnen, ihnen mit mehr Klarheit und Selbstreflexion zu begegnen – und dadurch bessere Entscheidungen treffen.

👉 Die nebenstehende Grafik zeigt drei Hauptkategorien solcher Urteilsverzerrungen:
Kognitive Leichtigkeit, Selbstüberschätzung und Versteckte Impulse – mit typischen Beispielen aus der Forschung. Sie macht deutlich, wie unterschiedlich – und oft unbewusst – unsere Urteile beeinflusst werden.


6. Wie man gute Entscheidungen trifft

Es gibt keine perfekte Entscheidung – aber es gibt bessere. Und die entstehen, wenn wir uns bewusst Zeit nehmen, ehrlich zu uns selbst sind und bestimmte Fragen stellen:

  • Habe ich alle wichtigen Informationen – oder nur einen Ausschnitt?
  • Welche Gefühle beeinflussen mich gerade?
  • Welche Alternativen gibt es wirklich?
  • Was würde ich jemand anderem in meiner Lage raten?

Gut entscheiden heißt: Denken und fühlen, aber mit Abstand. Ein kleiner Moment des Innehaltens kann den Unterschied machen – zwischen einer Entscheidung, die man trifft, und einer, die man später versteht.

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