Fall Schach Tropfen Glaukom

Hannah B. und wie uns Auffälligkeiten
auf den Holzweg führen


„Ich habe meine Augentropfen immer nur dann genommen, wenn der nächste Termin zur Messung des Augeninnendrucks vor der Tür stand.“


1. Was ist passiert?

Hannah B., 64 Jahre alt, lebt mit einem Glaukom. Ihr Ziel ist klar: Sie möchte ihre Sehkraft erhalten. Dafür wurde ihr eine tägliche Augentropfen-Therapie verordnet. Hannah weiß, wie wichtig diese Tropfen sind – und doch nimmt sie sie nur dann konsequent, wenn ein Kontrolltermin beim Augenarzt bevorsteht. Der Grund: Die Tropfen verursachen unangenehme Nebenwirkungen – sie brennen, reizen das Auge und fühlen sich störend an.

Statt mit ihrem Arzt darüber zu sprechen, zieht sich Hannah zurück und reduziert die Anwendung still und heimlich. Was als Schutz vor Unwohlsein gedacht ist, bringt sie ungewollt in Gefahr: Ihr Sehnerv bleibt ungeschützt – und der Schaden bleibt lange unbemerkt.


2. Warum hat Hannah ihren Arzt nicht informiert?

Hannah hat nie offen gesagt, dass sie die Tropfen unregelmäßig nimmt. Sie kam zuverlässig zu den Kontrollterminen, war freundlich, gab kurze Antworten – unauffällig, aber ausweichend. Als der Arzt nachhakte, hörte er Sätze wie: „Ich nehme sie meistens.“ Das waren Hinweise darauf, dass etwas nicht stimmt – aber eben nicht offen ausgesprochen.

In der Forschung nennt man dieses Verhalten verdeckte intentionale Nonadhärenz: Der Patient nimmt ein Medikament absichtlich nicht wie verordnet – sagt es aber nicht. Die Gründe dafür sind menschlich: Angst vor Kritik, Scham, das Gefühl, den Erwartungen nicht zu genügen, oder die Hoffnung, dass es „auch so geht“.

In Hannahs Fall kam noch eine Annahme hinzu: dass man an den Nebenwirkungen ohnehin nichts ändern könne. Sie dachte: „Da muss ich eben durch.“ Diese stille Überzeugung führte zu einem gefährlichen Muster – sie schützte sich kurzfristig vor Beschwerden und riskierte dabei langfristig ihre Sehkraft.


3. Wenn das Brennen der Tropfen wichtiger erscheint
als der Schutz der Augen

Hannah, lebt mit einem Glaukom.
Ihr Ziel: Sehkraft erhalten. Ihr Mittel: tägliche Augentropfen.
Und doch nimmt sie sie nur dann regelmäßig, wenn ein Kontrolltermin bevorsteht.
Warum?

Die Tropfen brennen. Reizen. Machen das Auge rot.
Der Nutzen – also der Schutz des Sehnervs – ist nicht spürbar.
Das Risiko? Bleibt unsichtbar. Und wird verdrängt.

Hannah spricht mit niemandem darüber – auch nicht mit ihrem Arzt.
Sie sagt: „Ich nehme sie meistens.“
Was klingt wie Zustimmung, ist in Wahrheit Unsicherheit, Scham und der stille Versuch, das Unangenehme zu vermeiden.

🔎 Denkfehler, die ihre Entscheidung geprägt haben:

Soziale Erwünschtheit: Wer gefallen will, verschweigt oft das, was wirklich belastet.

Salienz-Bias: Was unangenehm ist, rückt in den Vordergrund.

Present Bias: Kurzfristige Erleichterung wiegt schwerer als langfristiger Nutzen.


4. Was können andere Patient:innen daraus lernen?

Wer Medikamente weglässt, hat oft gute Gründe. Aber: Wer schweigt, bringt sich selbst in Gefahr. Denn Ärzt:innen können nur helfen, wenn sie wissen, was wirklich los ist.

Hannahs Arzt hat richtig reagiert: Statt mit Vorwürfen zu konfrontieren, stellte er eine offene Frage:

„Viele Patienten haben Probleme mit der Verträglichkeit der Tropfen – merken Sie da etwas bei sich?“

Das war der Wendepunkt. Hannah sprach über ihre Beschwerden, über das schlechte Gewissen, über seine Unsicherheit. Der Arzt schlug ein modernes Präparat ohne Konservierungsmittel vor – mit gleicher Wirkung, aber besserer Verträglichkeit.

Seitdem nimmt Hannah ihre Tropfen wieder regelmäßig – und schützt so ihre Sehkraft.


Warum Hannah ihren Fall veröffentlicht hat.

Heute sagt Hannah ganz offen: „Ich hätte früher reden müssen.“
Sie weiß jetzt, dass ihr Schweigen ein Fehler war – nicht aus böser Absicht, sondern aus Unsicherheit, Scham und der Angst, ihren Arzt zu enttäuschen.

Sie hat gelernt, wie wichtig es ist, Nebenwirkungen ernst zu nehmen und anzusprechen – statt sich still zurückzuziehen. Denn am Ende ging es nicht nur um ein Medikament, sondern um ihre Sehkraft. Und darum, dass Therapie nur funktionieren kann, wenn Arzt und Patient ehrlich miteinander sind.

Hannah möchte, dass ihre Geschichte anderen Mut macht:
Mut, zu sagen, wenn etwas nicht gut läuft.
Mut, Fragen zu stellen, statt gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
Mut, gemeinsam mit dem Arzt nach Alternativen zu suchen.


Entscheidungen wie die von Hannah waren der Anlass für ein Bildmotiv, das heute in vielen Arztpraxen und Apotheken hängt.
Es zeigt, was leicht übersehen wird: Dass man sich mit den besten Absichten selbst aus dem Gleichgewicht bringen kann – und sich damit unbeabsichtigt Schachmatt setzt.


Hannah und der Salienz-Bias

Eine Ursache für Hannahs Entscheidung war der Salienz-Bias (siehe Punkt 3).

Der Salienz-Bias gehört zu einer Gruppe von systematischen Fehlern beim Wahrnehmen, Urteilen und Entscheiden. Mehr über solche Fehler lesen Sie hier:


Gute Karten für bessere Entscheidungen

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